Buchvorstellung



Weißenburger Tagblatt, Dienstag, 17.11.2009

Dieter Rieß stellt sein neues Buch vor

Den Dialekt bewahren

„Aff goud Frängisch“ enthält Episoden in Mundart und Hochsprache

WEISSENBURG (kü) – Ein Stück fränkischer Heimatgeschichte bringt Dieter Rieß mit seinem neuen Buch «Aff goud Frängisch – Gschichdn un Gsooch ausm Weißaburchâ Land» aus dem Treuchtlinger wek-Verlag in die Buchläden. Bei der Buchvorstellung im Söller des Gotischen Rathauses in Weißenburg haben sich die Zuhörer bereits köstlich über den humorvollen Band amüsiert.

In über 120 Episoden gibt der in Geislohe lebende Lehrer einen tiefen Einblick in die fränkische Seele. Die Besonderheit an dem Buch: Die Geschichten stehen sich auf der rechten Buchseite in schönstem südfränkischen Dialekt und auf der linken Seite in Hochsprache gegenüber. Bemerkenswert ist dabei, dass keine der Geschichten länger als eine Seite ist und somit nicht mit überflüssigen Ausschmückungen langweilt, sondern nach kurzer Zeit meist zu einem amüsanten Schluss kommt.
Eine Empfehlung für flüssiges Lesen der Episoden im Dialekt hat Rieß aber parat: «Um die Geschichten richtig zu verstehen, empfiehlt es sich, sie laut zu lesen. Somit hat man auch gleich den Effekt, dass man es in seinem Dialekt spricht.» Wer mit dem Fränkischen nicht vertraut ist, kann sich auf die hochdeutsche Fassung stürzen oder die Tipps zur Ausspracheregelung am Anfang des Buches nutzen.
Dabei wird darauf hingewiesen, dass doppelte Selbstlaute lang gesprochen werden, bei doppelten Mitlauten der Selbstlaut davor kurz ist. Außerdem heißt es, «dass es in unserem Dialekt keine harten Laute wie k, p und t gibt. Dafür benutzen wir b, d und g». Als kleines Beispiel: «Der Babba dringd Dee» heißt dann in der Übersetzung: «Der Papa trinkt Tee.» Wem das jedoch alles zu kompliziert ist, der kann ja einfach die hochdeutsche Version lesen.
Auch Landrat Franz Xaver Uhl zeigte sich bei der Buchpräsentation beeindruckt, bezeichnete das Werk als ein «regionales Kleinod» und betonte, dass Dialekt-Bücher «keine schludrige Abart des Hochdeutschen» sind, sondern der Dialekt wohl eher zur regionalen Identität gehöre. Dies hat den Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen, die Stadt Weißenburg sowie die Sparkassen Mittelfranken-Süd und Gunzenhausen dazu bewogen, die Herausgabe des Buches zu fördern. «Den Dialekt kann man durchaus als regionales Kulturgut bezeichnen, und die spielt natürlich eine wichtige Rolle, um sich von anderen abzuheben», so Uhl.
Und so enthält das Buch nicht
nur kurzweilige Geschichten zum Schmunzeln, sondern auch noch ein Wörterverzeichnis mit fränkischen Dialektbegriffen und deren Übersetzungen, ein Ortsnamenregister (auch in Hochdeutsch und Dialekt), Sammlungen von Necknamen für einzelne Orte (die Weißenburger waren beispielsweise die «Hansaköpf»), fränkische Redensarten, Sprichwörter und Kirchweihgstanzln.

«Aff goud Frängisch – Gschichdn un Gsooch ausm Weißaburchâ Land» von Dieter Rieß, erschienen im wek-Verlag, 240 Seiten, ISBN
978-3-934145-59-7, Preis:19,80 Euro

Rede des Verlegers Walter E. Keller

Seit wir uns kennen, arbeitet Dieter Rieß an der Sammlung seiner Mundarttexte, seiner Geschichten. Und das ist immerhin schon 40 Jahre her. Ich war damals junger Redaktionsleiter beim Treuchtlinger Kurier. Und er hat ein Praktikum bei mir gemacht. Schreiben konnte er damals schon. Schließlich wollte er ja Lehrer werden. Dass ich einmal sein Verleger werden würde, niemand konnte das Ende der 1960er Jahre ahnen.
Vor einigen Jahren veröffentlichte er ein kleines Weihnachtsbüchlein.

Und nun ein stattliches Werk. Ein richtiges dickes Buch.
Aff goud Frängisch. Mundart.
Dialekt ist das überhaupt seriös? Ist das Literatur? Oder ist das bäh.
Ich bin in Lauf bei Nürnberg aufgewachsen, meine Mutter hat immer gesagt, ich soll nicht Lafferisch reden wie es Bimbala vo Laff, weil sich das in besseren Kreisen – mein Vater war immerhin Beamter beim Landratsamt – nicht gehört. Und wie sollte ich da in der Schule und gar im Gymnasium zurechtkommen?
Als die fortschreitende Demenz meiner Mutter die normale Kommunikation raubte, sie sich nicht mehr normal äußern konnte, dann schimpfte sie auf Lafferisch, manchmal gar nicht fein.
Alles war verschüttet, nur der Dialekt als Sprache der Heimat ist ihr geblieben. Aber spätestens mit der Generation unserer Eltern stirbt er in seinem ganzen Facettenreichtum aus.

Als ich an dem Buch von Dieter Rieß gearbeitet habe, sind mir so manche Begriffe wieder ins Gedächtnis gekommen, die meine fränkischen Großeltern verwendet haben.
Doch für das kulturelle Gedächtnis ist ein Großteil der Mundart bereits verloren gegangen.

Ich zitiere aus dem Buch „Das kulturelle Gedächtnis“ von Professor Jan Assmann.

Die „jüngere Vergangenheit“ umfasst 80, höchstens 100 Jahre, so lange kann das zeitgenössische Gedächtnis Erfahrungen und Hörensagen bewahren; es sind die Erinnerungen, die Menschen mit Zeitgenossen teilen – über etwa drei Generationen hinweg. Dieses Gedächtnis vergeht mit der Zeit, genauer, mit seinen Trägern. Wenn diese gestorben sind, kann das, was heute noch Erinnerung ist, morgen nur noch über Medien vermittelt werden.

Soweit der Professor.

Genau das ist es.

Das war auch der Grund, warum wir als Verlag die jüdische Erinnerungskultur in Treuchtlingen pflegen, mit einem Buch und jetzt auch mit dem Anstoß für ein Denkmal für die, die Jahrhunderte unter uns lebten. Wir brauchen jetzt schon nach 70 Jahren das Medium Buch, um die Erinnerung an den Reichtum der jüdischen Kultur und Geschichte zu bewahren.
Genau so ist es mit dem heimischen Dialekt und manchen seiner Protagonisten. Sonst ist alles weg. Ein für allemal. Und weil die Zeit des Vergessens und Verdrängens von Dialekt schon so weit fortgeschritten ist, wird in diesem Buch der Dialekt immer in Hochsprache übersetzt. Weil viele gar nicht mehr verstehen würden, um was es geht.

Ist das nun Belletristik, was wir hier zwischen zwei Buchdeckel gebunden haben? Ist es Literatur?
Natürlich ist es Literatur im Wortsinn, weil man es lesen kann.
Und es macht Sinn wie die sogenannte Nonsens-Literatur eines Robert Gernhardt, mit der die Weißenburger Bücherschau vor zwei Tagen eröffnet wurde. Nur drückt der Dialekt eindeutig Zweideutiges viel hintersinniger aus als das in der Feuchtgebiets- und Fäkalsprache mancher zeitgenössischer Literatur daherkommt.

Das Buch von Dieter Rieß ist auch kein Eintauchen in Seichtgebiete, sondern eine großartige Leistung der Kulturpflege unserer fränkischen Heimat, ja eine große denkmalpflegerische Leistung.
Es ist ein Beitrag zur fränkischen Identität, zu der des Weißenburger Landes insbesondere. Denn: Erinnerungskultur stiftet Gemeinschaft.

Wir haben ziemliche Erfahrung mit Büchern in Mundart oder Mundart in Büchern. Normalerweise schreiben unsere Autoren ein weich gespültes Fränkisch, das man zwischen Hof und Solnhofen versteht. Das muss man auch nicht übersetzen, das liest jeder mit seiner eigenen Dialektfärbung ohne Probleme.

Dieter Rieß ist ein Schritt weitergegangen, oder besser zurück. Er hat versucht, den Dialekt des Weißenburger Raums so zu schreiben, wie er tatsächlich gesprochen wurde. Da gibt es bekanntlich kein P und kein T und im Wort kein K und vor allem kein richtiges E. Das in der normalen Schrift zu schreiben, war das größte Problem in diesem Buch. Wir haben in langem Ringen uns auf eine einheitliche Schreibweise des Dialekts verständigt, damit vorne im Buch das gleiche Wort nicht anders geschrieben wird als hinten. Verdammt schwierig bei Texten, die über Jahrzehnte aufgeschrieben wurden. Und jetzt haben wir ein neues Problem: Wir haben einen südfränkischen Einheitsdialekt geschaffen und gedruckt, wohl wissend, dass jede Stadt, jedes Dorf seinen eigenen hat.
Doch auch hier gilt der gute Rat im Vorspruch: Lesen Sie die Texte laut in Ihrem Dialekt.

Ich habe zu danken:

Dieter Rieß für seine Arbeit und den Langmut im langwierigen Lektorats- und Korrekturverfahren.
Es sind lauter schöne Gschichdn drin.

Dem Herrn Landrat persönlich möchte ich danken für die Offenheit, mit der er die Idee für dieses Buch aufgegriffen hat und seine Unterstützung sowie die Förderung des Landkreises zugesichert hat. Ohne diese hätte dieses auch für den Verlag ungeheuer zeitaufwändige Buch in der guten Ausstattung als Hardcover nicht erscheinen können. Ich danke dem Landkreis auch für die Ausrichtung dieser Buchvorstellung. Kultur und Geschichte als weiche Standortfaktoren sind wichtig, sagt der Landrat – und tut etwas dafür.

Das gilt auch für die Stadt Weißenburg, Oberbürgermeister Schröppel hat ohne große Bürokratie die Unterstützung zugesagt.

Viel Spaß Aff gouf Frängisch mit Dieter Rieß.