Straßennamen

In der Türkei

Dieter Rieß
Türkengassen in Ort und Stadt
- Hinweis zur Straßenbezeichnung „In der Türkei“ in Stopfenheim

In vielen Orten gibt es die Straßenbezeichnung „Türkenstraße“, „Türkengasse“ oder „In der Türkei“. Diesen Wortschöpfungen scheint etwas eigen zu sein. Es handelt sich um Prejorativ-Stereotypen.
(Ein Pejorativum (lat. peiorare: „schlecht machen“) ist ein Wort mit absichtlich hinzugesetzter abwertender, herabsetzender Bedeutung, im Extremfall ein Schimpfwort).

--> Es fällt auf, dass solche Straßennamen stets randständige Quartiere „kleiner Leute“ beschreiben, Arme-Schlucker-Viertel, soziale Unterschichten, die der wohlhabende Bürger oder Bauer verächtlich über die Schulter ansah. Ablehnung und Hass gegen die „Türkenteufel“ und „mahometischen Bluthunde“, die sich in den langen Jahrhunderten blutiger Türkenkriege angestaut hatten, entluden sich hier in einem Anwendungsfeld von Diffamierung. Genauso abfällig wollen jene Ortsneckereien sein, bei denen man mit „Türken“ gegen die Menschen im Nachbardorf stichelte. Erinnert sei ferner an früher so häufige Hundenamen wie Ali, Hassan, Pascha, Sultan, Türk ...
Dagegen gibt es aber auch einen positiv besetzten Gebrauch des Wortes Türke/ türkisch.
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Zitat aus:
Um 1700: Seltsame Dorfgenossen aus der Türkei – Hartmut Heller in „Fremde auf dem Land“ im Verlag Fränkisches Freilandmuseum Bad Windsheim

In Stopfenheim gab es zwar nach den Forschungen von Professor Dr. Hartmut Heller keine türkischstämmigen Menschen (Türkentaufen), vielmehr ist die Beschreibung der Örtlichkeit im Dorfe maßgebend. Ehedem hieß nämlich der gesamte Ortsteil südlich des Grabens „In der Türkei“. Erst später entstanden dort vielfältige Straßennamen.
Das Quartier liegt nach einer Karte von 1820 außerhalb des Ortskerns. Somit ist die Beschreibung Hellers voll zutreffend.
http://www.bayerische-landesbibliothek-online.de/images/blo/ortsblaetter/karten/karten/Ort_Sto_1820_S118.jpg

--> Aus der Siedlungsforschung wissen wir, dass schon immer Wohnlage und Sozialstatus eng korrelierten. Die Urkataster bestätigen das: Hier, „in der Türkei“ lebten in bescheidenen Anwesen Maurer, Schuster, Schneider, Nachtwächter, Tagelöhner, Kleinhäusler mit ganz wenig Grundbesitz. --- Aus Sicht der großen Bauernhöfe im Dorfkern, der Bürgerhäuser am Marktplatz, der Schlossherrschaft war die „Türkei“ somit in krassem Gefälle ein abseitiges Quartier der kleinen Leute! Den linearisierenden Zusatz –straße, -gasse, -platz bekam der zunächst üblichere Flächenbegriff „Türkei“/ „In der Türkei“ meist erst von späterer Bürokratie. <--
Zitat aus:
Türkengassen in Franken – Aufsatz von Hartmut Heller in Jahrbuch für fränkische Landesforschung Nr. 57

Ulf Beier schreibt dazu im Stopfenheimer Heimatbuch (S 269) und in seinem Buch „Von der Höll- zur Paradeisgasse“ (S 11):
-->Der Volksmund hat von jeher ärmeren, abgelegenen Vierteln gerne Spitznamen gegeben, die mit Vorliebe von jenen Ländern stammen, die weit entfernt lagen und damals als rückständig galten, z.B. Chinesenviertel, Polakai, Rußland. So war ab dem 17. Jahrnundert auch die Bezeichnung „Weit hinten in der Türkei“ für damals ärmere Dorfbereiche gebräuchlich. <--

Übrigens:
In Weißenburg mussten 1921 vier Tafeln für das Quartier „Innere und Äußere Türkengasse“ (bezeichnederweise direkt an der Stadtmauer der südlichen Erweiterung der Kernstadt), die dieses als „In der Türkei“ auswiesen, nach Einspruch der Bürger wieder abgehängt werden. (siehe auch: Ulf Beier „Von der Höll- zur Paradeisgasse“ S 11).

In diesem Zusammenhang sollten Zeigenossen, die am Ende die Nase über türkisch stämmige Mitbürger/innen in unserem Lande rümpfen, einmal darüber nachdenken, was denn wäre, wenn sich bei ihrer Ahnenforschung herausstellte, dass dort vor etwa 300 Jahren türkische Wurzeln zu finden sind. Unmöglich ist das ganz und gar nicht.