Rhythmisieren ohne Zählen
Liebe Leserin,
lieber Leser,
sicher haben Sie schon einmal versucht, mit Kindern rhythmische Figuren zu erarbeiten. Wenn Sie bis dato aber nur die traditionelle Form des Rhythmisierens kannten, stießen Sie sicher bald an die Grenzen des Machbaren. Deshalb sollen Sie hier eine Methode kennenlernen, die es Ihnen erlaubt, mit Kindern rhythmische Übungen zu machen, die noch dazu Freude bereiten. So quasi "nebenbei" bekommen Ihre Kinder dann auch noch eine Sicherheit im Rhythmisieren, die sie selbst erstaunen wird. Das Zauberwort dafür heißt ZOLTAN KODALY (sprich: Soltan Kodai). Zoltan Kodaly ist ein ungarischer Musikpädagoge und Komponist gewesen, der zusammen mit Bela Bartok ungarische Folklore sammelte, um sie der Nachwelt zu überliefern. Natürlich ist ungarische Folklore rhythmisch etwas gepfefferter als dies unsere Volkslieder sind. Kodaly wollte sie aber dennoch rhythmisch exakt seinen Kindern vermitteln. Dabei stieß er mit der traditionellen Rhythmisiermethode, die ja eigentlich nichts anderes ist als sture Bruchrechnerei, schnell an Grenzen. Er erkannte, dass er mit Hilfe dieser Methode seinen Kindern ungarische Musik nicht rhythmisch einwandfrei vermitteln konnte. So kam er auf die Idee, eine eigene Methode zu entwickeln.
Er ging dabei davon aus, dass die Viertelnote das Maß der Dinge sei, und bezeichnete sie mit „Ta" (sprechen Sie es wie ein betontes "ja"!). Der nächste Schritt ging von der Überlegung aus, dass die nächst kürzere Zähleinheit in den meisten Fällen als "Pärchen" vorkommt. So nannte er die Achtelnote "ti", und das Pärchen "ti-ti". Stellen Sie sich nun einmal einen 4/4 Takt vor! Setzen wir den Fall, dass auf der zweiten Zähleinheit zwei Achtel liegen. Herkömmlich zählt man nun:
eins, zwei und drei, vier (Bsp. 1). Das ist gut so und Kindern sogar noch verständlich. Jetzt wandeln wir die Sache aber einmal ab, und setzen das Achtel-Pärchen auf Zählzeit drei. Wir zählen Jetzt herkömmlich: eins, zwei, drei und, vier (Bsp. 2). Schon haben wir den Schlamassel Wenn wir beide Übungen nacheinander mit Kindern rhythmisieren wollen, ist die erste Konfusion da, noch bevor wir richtig begannen.
Ganz anders mit Hilfe von Kodaly! Hier hieße unsere erste Übung:
Ta. ti-ti. Ta. Ta (Bsp. 3);
und die zweite: Ta. Ta. ti-ti. Ta (Bsp. 4).
Tonwertsilben nach Kodaly
Systematische Darstellung
Wenn Sie sich auf diese Methode einlassen, werden Sie sehr schnell feststellen, dass Kinder mit diesen beiden Bausteinen bald mühelos umgehen lernen, sie rhythmisieren, sie quälen sich nicht mit Mathematik. Natürlich erschöpft sich Kodalys Methode nicht darin, Viertel- und Achtelnoten zu benennen. Die wichtigsten Notenwerte entnehmen Sie bitte beigefügter Tabelle (Siehe Systematik)! An einer Stelle habe ich diese fabelhafte Methode etwas geändert. Kodaly nennt die Halbenote Ta-a, also ein Ta mit einer weiteren Betonung auf einem zweiten "a" als Ausdruck für die Fortdauer auf einer weiteren Zählzeit. Bei meiner Arbeit mit Kindern entstand dabei immer ein "a-Brei". Deshalb entschloß Ich mich. den stimmlosen Laut "j" einzufügen. So dauert der Ton weiter an. die weitere Zählzeit wird aber deutlicher rhythmisierbar. Gleiches gilt natürlich für alle langen Noten, die sich aus einem Vielfachen von "Ta" ergeben.
Das Tollste aber an dieser Methode ist, daß selbst Pausen einen echten Wert erhalten. Alle Musiker wissen, daß gerade hier die meisten Fehler gemacht werden, weil selten einer weiß, ob die Pause nun schon vorbei ist, oder ob sie noch andauert. Bei Kodaly ist dieses Problem nicht existent, denn hier heißt die Viertelpause einfach "still". Für eine Achtelpause hat man nicht mehr die Zeit "still" zu sagen, deshalb bleibt nur noch die Zeit für ein "s".
Ein Beispiel:
Haben Sie schon einmal versucht, einem Kind nahezubringen, daß es auf die Zählzeit 1 nicht musizieren (klatschen) soll, während dies alle anderen tun? Wenn ja, werden Sie sicher fast verzweifelt sein, oder ein absolutes Talent vor sich gehabt haben. Darf das Kind aber auf die Zählzeit eins, wenn es dort pausieren soll, "still" sagen und mit seinen Händen oder mit dem Klöppel in die Luft schlagen, dann wird es seine Aufgaben zur vollsten Zufriedenheit lösen können.
Selbst so schwierige Rhythmusfiguren wie Triolen lassen sich mit dieser Methode einfach "spielen". Man verwandelt die Bezeichnung für das Rhythmusgebilde selbst in eine Triole und spricht sie an gegebener Stelle. So lassen sich mit hinreichender Übung sogar Viertel, Achtel und Vierteltriolen gegeneinander stellen. Probieren Sie diese phantastische Methode, und Leben wird in die Rhythmisierarbeit Ihres Musikunterrichtes einziehen. Haben Sie Mut, etwas Neues anzufangen, denn Sie wissen ja: Probieren geht über Studieren!
siehe auch: Veröffentlichungen - im Eigenverlag